liebe Grüße zum Beginn dieser neuen Woche. ?
Ich wünsche uns allen Frieden, Stabilität und eine gemeinschaftliche Basis, auf der wir das Leben achten,
bewahren und miteinander tragen können. ??️
Das Leben sollte nicht nur daraus bestehen, erlernte Programme auszuführen und das zu wiederholen, was uns
vorgegeben wurde. Lernen ist wichtig – doch ebenso wichtig ist es, den eigenen Geist nicht zu verlieren: selbst wahrzunehmen, selbst nachzudenken und zu erkennen, dass jeder von uns mit seinen
Gedanken und seinem Handeln etwas zu dieser Welt beiträgt.
„Ihr seid das Salz der Erde.“
Dieser alte Satz erinnert uns daran, dass wir nicht bedeutungslos zwischen Himmel und Erde stehen. Jeder Mensch kann etwas beitragen: Menschlichkeit, Frieden, Achtung, Verantwortung und Liebe zum
Leben.
Wir sind mehr als das, was wir gelernt haben auszuführen. Wir dürfen fragen, erkennen, fühlen, denken und
unseren eigenen geistigen Weg suchen.
Mögen wir uns wieder daran erinnern, dass wir gemeinsam Verantwortung für diese Erde und füreinander tragen.
??
Frieden zwischen Himmel und Erde,
Frieden unter den Menschen
und Achtung vor allem Leben. ?️?
Einen friedlichen und lichtvollen Start in die neue Woche. ??
Die Burg aus Gold und die Brücke des Lebens
Es waren einmal zwei Wege, die durch dasselbe Land führten.
Der eine Weg führte hinauf auf einen hohen Berg. Dort standen große Häuser, Burgen und Paläste. Gold glänzte
hinter den Fenstern, Edelsteine schmückten die Hallen, und manche Menschen besaßen mehr, als andere sich in ihrem ganzen Leben vorstellen konnten.
Der andere Weg führte durch das Tal.
Dort lebten Menschen in kleinen Häusern. Manche besaßen gerade genug zum Leben, andere kämpften jeden Tag
darum, ihre Familien zu versorgen. Es gab Menschen, die krank waren, Menschen mit Einschränkungen und Menschen, die von der Gesellschaft kaum wahrgenommen wurden.
Zwischen dem Berg und dem Tal verlief eine breite Schlucht.
Mit der Zeit hatten die Menschen angefangen zu sagen:
„Dort oben wohnen die Schlechten.“
Und von oben hörte man:
„Dort unten leben diejenigen, die selbst an ihrem Unglück schuld sind.“
So wurde die Schlucht immer tiefer.
Nicht weil die Erde auseinanderbrach, sondern weil die Menschen aufhörten, einander zu
sehen.
Die Frau zwischen den beiden Wegen
Eines Tages kam eine Frau in dieses Land.
Sie besaß keine Burg und trug keine kostbaren Edelsteine.
An ihrem Hals hing lediglich eine kleine Kette aus Modeschmuck.
Als die Menschen im Tal sie sahen, riefen sie:
„Komm zu uns! Du gehörst doch nicht zu denen dort oben.“
Doch die Frau antwortete:
„Warum sollte ich einen Menschen verurteilen, nur weil er Gold besitzt?“
Da wurden einige ärgerlich.
„Siehst du denn nicht ihre Paläste?“
„Doch“, sagte die Frau. „Aber ich kann von hier unten nicht erkennen, welches Herz darin
wohnt.“
Also ging sie den Berg hinauf.
Dort angekommen, begrüßten sie Menschen in prächtigen Kleidern.
Einer sagte:
„Bleib doch hier oben. Warum möchtest du wieder hinuntergehen? Hier findest du alles, was ein Mensch
braucht.“
Die Frau schaute über das Tal.
„Alles?“, fragte sie.
„Natürlich“, antwortete der Mann und zeigte auf seine Säle voller Gold und Edelsteine.
Doch die Frau schüttelte den Kopf.
„Ich sehe dort unten Menschen. Wenn sie nicht zu eurem Alles gehören, dann besitzt ihr vielleicht sehr viel –
aber noch lange nicht alles.“
Der Mann mit der goldenen Burg
In der größten Burg des Landes lebte ein Mann, dessen größter Wunsch es gewesen war, eine gewaltige Burg zu
besitzen.
Jahrelang hatte er dafür gearbeitet.
Nun standen in seinen Räumen goldene Figuren. Edelsteine lagen in gläsernen Schränken. Seine Mauern waren so
hoch, dass niemand von außen hineinsehen konnte.
Als die Frau ihn besuchte, fragte sie:
„Bist du glücklich?“
Der Mann zeigte stolz auf seinen Besitz.
„Siehst du nicht, was ich erreicht habe?“
„Doch“, antwortete sie.
„Aber ich habe nicht gefragt, was du besitzt. Ich habe gefragt, ob du glücklich bist.“
Darauf wusste der Mann zunächst keine Antwort.
Schließlich sagte er:
„Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, diese Mauern aufzubauen.“
Die Frau sah aus dem Fenster hinunter ins Tal.
„Vielleicht“, sagte sie, „hast du dabei vergessen, eine Tür hineinzubauen.“
Die Frau mit den Edelsteinen
In einem anderen Haus lebte eine sehr wohlhabende Frau.
Auch sie trug Gold und Edelsteine.
Als die Reisende sie sah, dachte sie nicht:
Sie ist reich, also muss sie schlecht sein.
Sie wartete ab.
Bald bemerkte sie, dass jeden Morgen Menschen das große Haus betraten.
Ärzte.
Lehrer.
Handwerker.
Menschen aus dem Tal.
Die wohlhabende Frau hatte einen Teil ihres Vermögens eingesetzt, um eine Einrichtung aufzubauen, in der
Kinder lernen konnten, unabhängig davon, wie viel ihre Eltern besaßen oder welche Schwierigkeiten sie hatten.
„Warum machst du das?“, fragte die Reisende.
Die Frau antwortete:
„Weil mein Gold nichts dafür kann, dass es Gold ist. Entscheidend ist doch, was meine Hände damit
tun.“
Da lächelte die Reisende.
„Genau deshalb habe ich dich nicht verurteilt, als ich deinen Schmuck gesehen habe.“
Der arme Mann am Wegesrand
Auf ihrem Rückweg traf die Reisende einen armen Mann.
Er besaß kaum etwas.
Die Menschen im Tal hielten ihn deshalb für besonders gut.
Doch als ein noch ärmerer Mann ihn um ein Stück Brot bat, jagte er ihn fort.
Die Reisende beobachtete es.
Da verstand sie etwas:
Armut macht einen Menschen nicht automatisch gut, genauso wenig wie Reichtum ihn automatisch schlecht
macht.
Auch ein Mensch, der wenig besitzt, kann hart werden.
Und ein Mensch, der viel besitzt, kann teilen.
Nicht der Geldbeutel entscheidet über Menschlichkeit.
Das Handeln tut es.
Zwei Schmuckstücke
Am Abend nahm die Reisende ihre kleine Kette aus Modeschmuck ab und legte sie auf einen
Tisch.
Daneben legte die wohlhabende Frau einen echten Edelstein.
Im Licht der untergehenden Sonne funkelten beide.
„Welcher ist wertvoller?“, fragte jemand.
Die Reisende antwortete:
„Für einen Händler wahrscheinlich der Edelstein.“
Sie nahm beide Schmuckstücke in ihre Hände.
„Aber für das Leben?“
Alle schwiegen.
„Keines von beiden kann ein weinendes Kind trösten.
Keines kann einen Krieg verhindern.
Keines kann einem einsamen Menschen zuhören.
Keines kann einen anderen Menschen lieben.
Dafür braucht es uns.“
Der Satz des alten Mannes
Am nächsten Morgen begegnete die Reisende einem alten Mann.
Auch er hatte sein Leben lang über Freiheit nachgedacht.
Er sagte:
„Ich möchte nicht nur selbst frei sein. Was bedeutet meine Freiheit, wenn neben mir noch ein Mensch lebt, dem
jede Möglichkeit genommen wurde?“
Dieser Gedanke blieb bei der Frau.
Denn darin fand sie etwas, das größer war als die Frage nach einer Burg.
Eine Burg kann einem Menschen gehören.
Ein Edelstein kann einem Menschen gehören.
Eine Million kann einem Menschen gehören.
Auch Milliarden können einem Menschen gehören.
Aber eine wirkliche Gemeinschaft kann niemals einem einzelnen Menschen gehören.
Sie entsteht nur miteinander.
Die Brücke
Bevor die Frau das Land verließ, ging sie noch einmal zu der großen Schlucht zwischen Berg und
Tal.
„Auf welcher Seite stehst du nun?“, fragten die Menschen.
Die Frau antwortete:
„Auf keiner.“
Empörung entstand auf beiden Seiten.
„Du musst dich entscheiden!“
Da schüttelte sie den Kopf.
„Nein. Genau das muss ich nicht.“
Sie zeigte auf die Schlucht.
„Ihr habt euch so lange gegenseitig eingeredet, dass der Mensch auf der anderen Seite euer Gegner ist, dass
ihr vergessen habt, eine Brücke zu bauen.“
„Und was willst du tun?“, fragte jemand.
Die Frau nahm einen Stein vom Boden.
Sie legte ihn an den Rand der Schlucht.
„Ich fange damit an.“
Ein Kind aus dem Tal brachte einen zweiten Stein.
Eine wohlhabende Frau vom Berg brachte einen dritten.
Ein Arbeiter brachte einen vierten.
Ein Unternehmer brachte einen fünften.
Eine alte Frau brachte einen sechsten.
Menschen mit verschiedenen Religionen kamen.
Menschen ohne Religion kamen.
Menschen mit viel Geld kamen.
Menschen ohne Geld kamen.
Nicht alle mochten einander.
Nicht alle waren derselben Meinung.
Aber sie verstanden schließlich:
Eine Brücke verlangt nicht, dass beide Seiten gleich werden.
Sie verlangt lediglich, dass beide Seiten bereit sind, einander zu erreichen.
Viele Jahre später stand dort tatsächlich eine Brücke.
An ihrem Eingang befand sich keine goldene Tafel.
Dort hing nur ein kleines Stück einfachen Metalls.
Darauf standen die Worte:
„Frage nicht zuerst, was ein Mensch besitzt.
Frage, was er mit seinem Leben für das Leben tut.“
Und darunter hatte jemand später noch einen zweiten Satz geschrieben:
„Ich lasse mich weder nach oben noch nach unten abspalten.
Mein Weg führt zu den Menschen, die bereit sind, das Leben mitzutragen.“
Die Reisende hatte das Land zu diesem Zeitpunkt längst verlassen.
Ihre kleine Kette aus Modeschmuck trug sie noch immer.
Und manchmal, wenn die Sonne darauf fiel, glänzte sie genauso schön wie ein Edelstein.
Ich wollte niemals darauf reduziert werden, welche Schule ich besucht habe, was ich nicht kann oder welche
Schwierigkeiten mich durch mein Leben begleiten.
Eigentlich wollte ich etwas ganz Einfaches: Ich wollte die Welt mit ihren Schriftzeichen und ihrer Mathematik
genauso aufnehmen können wie andere Menschen. Ich wollte lesen, schreiben und rechnen können, ohne immer wieder an Grenzen zu stoßen, die andere vielleicht gar nicht wahrnehmen.
Ich wollte lernen.
Und gerade darin liegt etwas, das Außenstehende manchmal nur schwer verstehen können:
Es fehlte nicht am Wunsch.
Wenn ein Mensch etwas unbedingt lernen möchte und trotzdem immer wieder daran scheitert, entsteht eine
besondere Form von Schmerz. Denn irgendwann beginnt er sich zu fragen, warum etwas, das für andere selbstverständlich erscheint, für ihn selbst trotz aller Anstrengung unerreichbar
bleibt.
Worte aus meiner Kindheit, die geblieben sind
Schon früh wurde mir bewusst gemacht, dass meine Schwierigkeiten gesellschaftliche Folgen haben
könnten.
Meine Mutter sagte einmal zu mir:
„Früher im Hitler-Regime wärst du umgebracht worden. Wenn du dich jetzt nicht anstrengst, könnte es sein,
dass du später in einer Arbeitsstätte landest, wie die, in der ich gerade mit schwerbehinderten Kindern arbeite.“
Solche Worte vergisst ein Kind nicht einfach.
Heute weiß ich, dass hinter diesen Worten vielleicht auch Angst um meine Zukunft gestanden haben kann. Doch
für ein Kind ist eine solche Aussage eine ungeheure Last.
Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, eine Aufgabe in der Schule nicht zu verstehen.
Plötzlich scheint die eigene Existenz infrage gestellt.
Meine Mutter besuchte mich später oft bei meiner Arbeit und half mir. Trotzdem blieb in mir lange die
Frage:
Warum entscheidet unsere künstlich geschaffene Welt so stark darüber, welchen Wert ein Mensch
angeblich besitzt?
Wenn man leben möchte und das Leben trotzdem schwer wird
Auf meinem Lebensweg gab es Zeiten, in denen meine Depressionen so schwer wurden, dass auch Gedanken an
Selbsttötung auftauchten.
Das ist ein Widerspruch, den Menschen von außen vielleicht schwer verstehen können.
Man kann sich nach Leben sehnen und gleichzeitig an seinem eigenen Leben verzweifeln.
Man kann sich wünschen, endlich seinen Platz zu finden, und trotzdem zeitweise keine Kraft mehr sehen,
weiterzugehen.
Depressionen sind für mich deshalb kein einfacher Satz und keine vorübergehende schlechte Stimmung. Sie waren
und sind schwere Kämpfe, bei denen ich immer wieder neu anfangen musste.
Und trotzdem bin ich weitergegangen.
Nicht immer stark.
Nicht immer sicher.
Nicht immer ohne Verzweiflung.
Aber weiter.
Ein Mensch, dessen Worte mich geprägt haben
Damals lernte ich einen Freund kennen, der selbst Ausgrenzung erfahren hatte. Er wurde mit Begriffen
bezeichnet, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft herabwürdigten.
Auch er trug seine eigene Geschichte und seine eigenen Kämpfe.
Eines Tages sagte er zu mir:
„Wer sich umbringt, ist zu feige zum Leben.“
Heute würde ich diesen Satz nicht als allgemeines Urteil über Menschen übernehmen, die suizidal
sind. Ein Mensch in tiefster Verzweiflung ist nicht einfach feige.
Aber damals erreichten mich seine Worte anders.
Er wollte mich provozieren, mich aufrichten und mir auf seine manchmal harte Art sagen:
Bleib hier. Gib dein Leben nicht auf.
Er sprach mit mir über Menschen auf Intensivstationen, die um jeden weiteren Atemzug kämpfen. Und er forderte
mich damit heraus, mein eigenes Leben noch einmal anders anzusehen.
Seine Worte waren rau.
Aber hinter ihnen befand sich für mich eine Botschaft, die geblieben ist:
Lebe weiter.
Und irgendwann konnte ich sagen: Ich habe durchgehalten
Unsere Wege trennten sich später.
Auch er ging schwierige Wege, auf denen er mich nicht mitnehmen wollte.
Doch etwas von unserer damaligen Begegnung blieb in mir.
Ich wollte ihm – und vielleicht noch viel mehr mir selbst – beweisen, dass mein Weg nicht an der Sonderschule
endet.
Dass ein Mensch nicht an einem Schulstempel endet.
Dass Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen nicht darüber entscheiden, ob ein Mensch denken,
fühlen, erkennen, lieben, helfen oder Verantwortung übernehmen kann.
Und ich habe durchgehalten.
Das bedeutet nicht, dass danach alles leicht geworden wäre.
Es bedeutet nur:
Ich bin noch gegangen, als mein Weg schwer war.
Darauf liegt für mich ein großer Unterschied.
Ein neues Leben finden
Später begann ich auch die Worte Jesu Christi anders zu verstehen.
Wenn davon gesprochen wird, das eigene Leben zu verlieren, um es neu zu finden, verstehe ich das nicht als
Aufforderung, das körperliche Leben wegzuwerfen.
Ganz im Gegenteil.
Für mich kann darin die Aufforderung liegen, eine alte Vorstellung vom eigenen Leben
loszulassen.
Vielleicht muss ein Mensch manchmal das Bild aufgeben, das andere von ihm geschaffen haben, damit er
entdecken kann, wer er jenseits dieses Bildes ist.
Vielleicht kann ein neues Leben beginnen, wenn ich nicht mehr ausschließlich frage:
Was kann ich nicht?
Sondern:
Was kann ich trotz allem geben?
Und manchmal geschieht etwas Erstaunliches:
Indem ein Mensch für andere eintritt, ihnen Mut macht oder versucht, ihre Ausgrenzung zu verhindern, findet
er selbst einen neuen Sinn.
Der eigene Schmerz verschwindet dadurch nicht automatisch.
Aber er muss nicht mehr das Einzige sein, was das Leben bestimmt.
Ausgrenzung besitzt viele Gesichter
Menschen werden auf unterschiedlichste Weise ausgegrenzt.
Wegen ihrer Bildung.
Wegen einer Behinderung.
Wegen ihrer Herkunft.
Wegen Armut.
Wegen ihres Aussehens.
Wegen ihrer Sprache.
Oder einfach deshalb, weil sie nicht in eine gesellschaftliche Vorstellung davon passen, wie ein Mensch
angeblich sein sollte.
Doch kein Zeugnis und keine Diagnose kann den vollständigen Menschen beschreiben.
Kein Mensch besteht ausschließlich aus seinen Einschränkungen.
Und genauso besteht kein Mensch ausschließlich aus seinen Fähigkeiten.
Wir alle tragen unterschiedliche Möglichkeiten und unterschiedliche Grenzen.
Deshalb sollten wir vorsichtig damit sein, Menschen in Schubladen einzusortieren.
Wenn der Wille allein nicht genügt
Es gibt noch etwas, das mir sehr wichtig ist:
Menschen sagen manchmal:
„Du musst dich nur genügend anstrengen.“
Doch nicht jede Grenze verschwindet durch Anstrengung.
Ich wollte richtig schreiben lernen.
Ich wollte besser rechnen können.
Ich habe es versucht.
Wenn etwas trotzdem nicht gelingt, bedeutet das nicht automatisch, dass ein Mensch faul ist oder nicht
genügend will.
Diese Erkenntnis war für mich wichtig.
Denn irgendwann muss ein Mensch aufhören, seinen eigenen Wert ausschließlich daran zu messen, ob er etwas
genauso kann wie andere.
Meine Begegnung mit der göttlichen Schöpfung
Auf meinem weiteren Weg fand ich für mich die göttliche Schöpfung.
Und aus diesem Glauben entstand in mir eine Botschaft:
Du bist genauso Teil dieser Schöpfung wie jeder andere Mensch.
Die Schriftzeichen unserer Schulen wurden von Menschen geschaffen.
Unsere mathematischen Systeme wurden von Menschen entwickelt.
Unsere Zeugnisse, Schulformen, Berufsbezeichnungen und gesellschaftlichen Rangordnungen sind menschliche
Konstruktionen.
Sie können nützlich sein.
Aber sie bestimmen nicht den gesamten Wert eines Lebens.
Die Natur fragt keinen Baum nach seinem Schulabschluss.
Ein Vogel benötigt kein Zeugnis, um Teil des Himmels zu sein.
Und ein Mensch verliert seine Zugehörigkeit zum Leben nicht deshalb, weil ihm bestimmte Fähigkeiten
schwerfallen.
Diese Erkenntnis hat für mich etwas verändert.
Ich musste nicht länger versuchen, meinen Wert ausschließlich innerhalb jener Maßstäbe zu suchen, an denen
ich immer wieder gescheitert war.
Depressionen verschwinden dadurch nicht einfach
Auch mein Glaube bedeutet nicht, dass meine Depressionen einfach verschwunden wären.
Sie begleiten mich bis heute.
Manchmal kehren schwere Phasen zurück, und dann muss ich erneut versuchen, einen Weg
hindurchzufinden.
Das ist nicht leicht.
Und manchmal können Menschen in meiner Umgebung nicht vollständig verstehen, was in mir
geschieht.
Aber auch ich kann nicht vollständig wissen, wie sich ihr innerer Weg anfühlt.
Vielleicht liegt gerade darin eine wichtige Erkenntnis:
Wir müssen nicht denselben Weg gegangen sein, um einander mit Achtung zu
begegnen.
Wir müssen nicht jeden Schmerz eines anderen vollständig verstehen können.
Manchmal genügt zunächst die Bereitschaft, ihn nicht kleinzureden.
Der Mensch ist mehr als das, was die künstliche Welt messen kann
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse meines Lebens:
Ein Mensch kann an den Maßstäben einer künstlich geschaffenen Welt Schwierigkeiten haben und trotzdem etwas
besitzen, das kein Zeugnis messen kann.
Mitgefühl.
Lebenswissen.
Erfahrung.
Vorstellungskraft.
Güte.
Die Fähigkeit, einem anderen Menschen Mut zu machen.
Die Fähigkeit, Unrecht wahrzunehmen.
Und die Fähigkeit, nach einem schweren Fall wieder aufzustehen.
Unsere Gesellschaft braucht Schrift, Mathematik und Bildung.
Aber sie braucht ebenso Menschen, die fragen:
Wofür benutzen wir dieses Wissen?
Wissen allein macht eine Gemeinschaft nicht menschlich.
Menschlichkeit entsteht erst dadurch, was wir miteinander daraus machen.
Deshalb wünsche ich Gesundheit und Frieden
Ich weiß heute, dass ich nicht den Weg eines anderen Menschen gehen kann.
Und niemand kann vollständig meinen Weg gehen.
Jeder trägt etwas Eigenes zwischen Himmel und Erde.
Deshalb möchte ich Menschen nicht danach beurteilen, ob sie genauso denken oder genauso leben wie
ich.
Ich wünsche ihnen vielmehr etwas, dessen Wert ich durch meine eigenen schweren Zeiten kennengelernt
habe:
Gesundheit und Frieden.
Frieden mit anderen Menschen.
Frieden zwischen den Völkern.
Aber auch einen inneren Frieden, der einem Menschen erlaubt zu erkennen:
Mein Leben besitzt einen Wert, auch wenn mein Weg anders aussieht als der Weg der
anderen.
Vielleicht besteht wahre Gemeinschaft gerade darin.
Nicht alle Menschen gleichzumachen.
Sondern dafür zu sorgen, dass auch derjenige seinen Platz behalten darf, der anders lernt, anders denkt,
andere Grenzen trägt oder einen anderen Weg durch dieses Leben gehen muss.
Denn kein Mensch sollte erst beweisen müssen, dass er perfekt in unsere künstlich geschaffenen Systeme passt,
bevor wir ihm seine Würde zugestehen.
Das Leben war zuerst da.
Unsere Systeme kamen später.
Und deshalb sollte am Ende nicht der Mensch unseren Konstruktionen dienen müssen.
Unsere Konstruktionen sollten dem Menschen und dem Leben dienen. ??️?
Europa, Umkehr und die Verantwortung für eine positive Gemeinschaft
Die Europäische Union sollte ihrem grundlegenden Friedensgedanken nach ein Raum sein, in dem Menschen und
Staaten nach den zerstörerischen Erfahrungen vergangener Zeiten lernen, Konflikte nicht immer wieder durch Feindschaft und Gewalt auszutragen. Europa sollte verbinden, wo Menschen zuvor
gegeneinanderstanden.
Gerade deshalb müssen wir heute die Frage stellen dürfen:
Was ist aus diesem Gedanken geworden, und wohin entwickelt sich unsere
Gemeinschaft?
Diese Frage bedeutet nicht, alles abzulehnen, was in Europa geschaffen wurde. Europäische Zusammenarbeit hat
Menschen und Staaten miteinander verbunden und viele Möglichkeiten eröffnet. Aber keine politische Gemeinschaft darf sich allein aufgrund ihrer ursprünglichen Ideale für unfehlbar
halten.
Eine Gemeinschaft muss sich immer wieder daran messen lassen, was sie tatsächlich tut.
Eine Friedensgemeinschaft muss den Frieden immer wieder suchen
Wenn Europa aus den Erfahrungen von Krieg, Zerstörung und gesellschaftlicher Spaltung gelernt haben will,
dann darf Frieden nicht lediglich ein Wort in Verträgen und politischen Reden bleiben.
Frieden muss sich im Handeln zeigen.
Natürlich besitzen Staaten ein Recht auf Schutz und Sicherheit. Aber wenn immer häufiger über
Kriegstüchtigkeit, Aufrüstung, Waffenproduktion und militärische Stärke gesprochen wird, während Friedensgespräche im öffentlichen Bewusstsein immer weiter in den Hintergrund geraten, müssen freie
Menschen fragen dürfen:
Wo bleibt die ebenso entschlossene Suche nach diplomatischen Auswegen?
Wo befinden sich die großen europäischen Initiativen für Gespräche?
Wo sind diejenigen, die trotz verhärteter Fronten immer wieder versuchen, Menschen an einen Tisch zu
bringen?
Diplomatie ist keine Schwäche.
Gespräche bedeuten nicht, dass man das Verhalten oder die Forderungen der anderen Seite
gutheißt.
Gerade mit Menschen, deren Handlungen man ablehnt, muss manchmal gesprochen werden, wenn verhindert werden
soll, dass ein Konflikt immer weiter eskaliert.
Eine wirkliche Friedensgemeinschaft muss deshalb beides können: ihre Mitglieder schützen und gleichzeitig
jede vernünftige Möglichkeit ausschöpfen, Gewalt zu verhindern oder zu beenden.
Die Erfahrungen der Pandemie dürfen ebenfalls besprochen werden
Auch die Jahre der Pandemie gehören zu den Erfahrungen, über die unsere Gesellschaft weiterhin offen sprechen
können sollte.
Menschen haben diese Zeit sehr unterschiedlich erlebt und beurteilt. Manche hielten die staatlichen Maßnahmen
für notwendig, andere empfanden bestimmte Entscheidungen als unverhältnismäßig oder ausgrenzend.
Eine freie Gemeinschaft sollte diese unterschiedlichen Erfahrungen nicht gegeneinander
ausspielen.
Sie sollte im Nachhinein fragen können:
Was war richtig?
Was war falsch?
Was würden wir bei einer zukünftigen Krise anders machen?
Wo wurden Menschen miteinander verbunden, und wo entstanden neue gesellschaftliche Gräben?
Eine Gesellschaft lernt nicht dadurch, dass sie ihre Vergangenheit nur verteidigt. Sie lernt, indem sie
bereit ist, auch die eigenen Entscheidungen kritisch zu überprüfen.
Wir brauchen wieder freie Menschen
Gerade deshalb brauchen wir freie Menschen.
Damit meine ich keine Menschen, die grundsätzlich gegen alles sind.
Ein freier Mensch sollte auch nicht einfach nur das Gegenteil dessen behaupten, was eine Regierung, eine
Partei oder eine Institution sagt.
Freiheit des Denkens bedeutet vielmehr, selbst zu prüfen.
Ein freier Mensch kann einer Regierung zustimmen und ihr am nächsten Tag widersprechen.
Er kann einen Gedanken einer Partei unterstützen und einen anderen Gedanken derselben Partei
ablehnen.
Er kann sich irren und seine Meinung verändern.
Genau diese Fähigkeit zur Veränderung gehört zur Freiheit.
Gefährlich wird es dagegen, wenn Menschen nur noch in zwei Lager eingeteilt werden:
dafür oder dagegen,
rechts oder links,
Freund oder Feind,
gut oder böse.
Das wirkliche Leben ist komplizierter.
Jeder Mensch bleibt ein einzelner Mensch.
Die Botschaft der Umkehr
Hier sehe ich auch eine Verbindung zu einer sehr alten Botschaft Jesu Christi: der Aufforderung zur
Umkehr.
Umkehr bedeutet nicht nur Religion.
Sie kann eine grundlegende menschliche Fähigkeit beschreiben:
Erkenne, wenn ein Weg zerstörerisch geworden ist, und habe den Mut, deine Richtung zu
verändern.
Niemand muss an Jesus Christus glauben, um über diesen Gedanken nachzudenken.
Niemandem sollte vorgeschrieben werden, welchen Glauben er haben muss.
Aber eine Botschaft verliert ihren möglichen Wert nicht allein deshalb, weil jemand ihren religiösen Ursprung
nicht teilt.
Wenn Jesus zur Umkehr aufruft, können wir darin auch eine Frage an unsere Gegenwart
erkennen:
Wenn unser Weg Menschen immer stärker voneinander trennt – warum sollten wir ihn nicht
verändern?
Wenn unsere politischen Konstruktionen dem Leben nicht mehr dienen – warum sollten wir sie nicht
überprüfen?
Wenn Hass immer neuen Hass hervorbringt – warum sollten wir nicht versuchen, diesen Kreislauf zu
unterbrechen?
Auch Widerstand bedeutet nicht, jemanden zum Helden erklären zu müssen
Dasselbe gilt für Menschen, die sich in vergangenen Zeiten gegen Unterdrückung, Krieg oder
menschenverachtende Systeme gestellt haben.
Ich sage niemandem, dass er bestimmte Widerstandskämpfer oder Freiheitskämpfer verehren
muss.
Menschen sind keine fehlerlosen Figuren.
Aber wir können aus ihrer Geschichte eine wichtige Frage mitnehmen:
Wann muss ein Mensch den Mut besitzen, einer gesellschaftlichen Entwicklung zu
widersprechen?
Nicht jeder Widerstand ist automatisch richtig.
Aber ebenso wenig ist jede bestehende Ordnung automatisch richtig, nur weil sie von Institutionen getragen
wird.
Deshalb braucht eine freie Gesellschaft Menschen, die verantwortlich widersprechen können, ohne andere
Menschen zu entmenschlichen.
Das Bild von Babylon
Auch das alte Bild von Babylon kann uns etwas erzählen.
Dabei sollten wir Babylon nicht als einfache historische Gleichsetzung mit unserer heutigen Gesellschaft
verwenden. Es ist vielmehr ein Sinnbild, das über Jahrtausende weitergetragen wurde.
Babylon kann für eine Gesellschaft stehen, die äußerlich immer größer und mächtiger wird und dabei innerlich
ihre gemeinsame Grundlage verliert.
Menschen sprechen noch miteinander, verstehen einander aber nicht mehr.
Gruppen leben nebeneinander und betrachten sich zunehmend als Gegner.
Macht und Größe werden wichtiger als Zusammenhalt.
Gerade deshalb ist dieses alte Bild auch heute nachdenkenswert.
Eine Gesellschaft kann über gewaltige technische Möglichkeiten verfügen und dennoch daran scheitern, dass
ihre Menschen keine gemeinsame Sprache des Menschlichen mehr finden.
Unsere künstlichen Konstrukte müssen dem Leben dienen
Wir Menschen haben Staaten geschaffen.
Wir haben Parteien geschaffen.
Wir haben Wirtschaftsordnungen, Institutionen, Bündnisse, Behörden, Technologien und unzählige Regeln
geschaffen.
All diese Dinge sind menschliche Konstruktionen.
Sie können hilfreich sein. Ohne viele dieser Strukturen wäre ein Zusammenleben von Millionen Menschen kaum
vorstellbar.
Aber wir sollten niemals vergessen:
Der Mensch wurde nicht für diese Konstruktionen erschaffen – diese Konstruktionen wurden von Menschen
geschaffen, damit sie dem menschlichen Zusammenleben dienen.
Wenn sich dieses Verhältnis umkehrt, entsteht ein Problem.
Wenn Menschen irgendwann nur noch einer Struktur dienen sollen, obwohl diese Struktur ihnen und dem Leben
nicht mehr dient, muss die Frage nach Veränderung erlaubt sein.
Keine Institution darf wichtiger werden als die Menschen, für die sie geschaffen wurde.
Keine Wirtschaftsordnung darf wichtiger sein als das Leben.
Keine Partei darf wichtiger sein als die Gesellschaft.
Und kein militärisches Bündnis darf den Frieden als Ziel aus den Augen verlieren.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Auf welcher Seite stehst du?
Vielleicht ist dies eine der größten Schwierigkeiten unserer Gegenwart.
Wir fragen Menschen immer häufiger:
Auf welcher Seite stehst du?
Doch vielleicht sollten wir viel häufiger fragen:
Wofür stehst du?
Stehst du für Frieden?
Für die Würde des Menschen?
Für die Möglichkeit des Gesprächs?
Für die Freiheit, Fragen zu stellen?
Für die Verantwortung gegenüber Kindern und kommenden Generationen?
Für eine Gemeinschaft, in der auch Schwache einen Platz besitzen?
Dann kann es geschehen, dass Menschen mit vollkommen unterschiedlichen politischen oder religiösen
Vorstellungen plötzlich feststellen, dass sie bei grundlegenden menschlichen Fragen gar nicht so weit voneinander entfernt sind.
Positive Gemeinschaft bedeutet nicht Gleichförmigkeit
Eine positive Gemeinschaft entsteht nicht dadurch, dass alle Menschen dasselbe denken.
Das wäre keine Freiheit.
Gemeinschaft zeigt sich vielmehr darin, dass Menschen unterschiedlich denken können und sich trotzdem
gegenseitig als Menschen achten.
Wir müssen nicht dieselbe Religion haben.
Wir müssen nicht dieselbe Partei wählen.
Wir müssen nicht dieselben Vorstellungen vom Staat, von Europa oder von der Welt besitzen.
Aber wir brauchen eine gemeinsame Grundlage, auf der Unterschiede nicht automatisch zu Feindschaft
führen.
Diese Grundlage könnte sehr einfach beginnen:
Das Leben des anderen besitzt ebenso einen Wert wie mein eigenes.
Von diesem Gedanken aus können Gespräche entstehen.
Die Umkehr beginnt nicht nur bei „den anderen“
Und hier gehört für mich noch etwas Entscheidendes dazu.
Wenn wir von Umkehr sprechen, dürfen wir nicht immer nur auf Regierungen, Parteien, Reiche, Institutionen
oder andere Menschen zeigen.
Umkehr beginnt auch bei uns selbst.
Wo grenze ich Menschen aus?
Wo höre ich nicht mehr zu?
Wo glaube ich vielleicht selbst, bereits die ganze Wahrheit zu besitzen?
Wo lasse ich mich dazu verleiten, einen Menschen nur noch nach seiner politischen Zugehörigkeit zu
beurteilen?
Eine bessere Gemeinschaft kann nicht entstehen, wenn jeder ausschließlich verlangt, dass sich der andere
verändert.
Auch der freie Mensch muss bereit sein, sich selbst zu prüfen.
Vielleicht liegt genau darin die tiefste Bedeutung der Umkehr.
Nicht Unterwerfung.
Nicht blinder Gehorsam.
Sondern Erkenntnis und die Freiheit, einen falschen Weg verlassen zu können.
Für das Leben
Ich möchte niemandem vorschreiben, an Jesus Christus zu glauben.
Ich möchte niemandem vorschreiben, einen Freiheitskämpfer zu verehren.
Und ich möchte niemandem vorschreiben, welcher Partei, Religion oder Weltanschauung er folgen
soll.
Ich wünsche mir etwas Grundlegenderes:
Dass Menschen wieder darüber nachdenken, was dem Leben dient.
Was verbindet uns?
Was erhält Frieden?
Was schützt Kinder und kommende Generationen?
Was gibt Schwachen ihre Würde?
Was verhindert, dass gesellschaftliche Unterschiede zu unüberwindbaren Gräben werden?
Und welche unserer selbst geschaffenen Konstruktionen müssen wir verändern, wenn sie diesem Leben nicht mehr
dienen?
Vielleicht brauchen wir deshalb keine neue Einteilung der Menschen.
Vielleicht brauchen wir einen neuen gemeinsamen Ausgangspunkt:
Das Leben selbst.
Von dort aus können wir wieder miteinander sprechen.
Von dort aus können wir widersprechen, ohne einander zu Feinden zu erklären.
Von dort aus können wir Fehler erkennen und Wege verändern.
Und von dort aus kann eine Gemeinschaft entstehen, die nicht danach fragt, wer über dem anderen steht,
sondern wie wir gemeinsam zwischen Himmel und Erde leben wollen.
Umkehr bedeutet dann nicht zurückzugehen.
Umkehr bedeutet, einen Weg zu verlassen, von dem wir erkannt haben, dass er uns voneinander und vom
Leben entfernt.
Und vielleicht ist gerade das eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit:
Parteien, Verantwortung und der verlorene Weg zum Frieden
Jede Partei hat ihre Stärken und ihre Schwächen. Keine Partei besteht jedoch nur aus ihrem Namen, ihrem
Programm oder ihrer Führung. Innerhalb jeder politischen Partei befinden sich einzelne freie Menschen – Frauen und Männer mit unterschiedlichen Erfahrungen, Überzeugungen und Sichtweisen. Selbst
Parteimitglieder sind untereinander keineswegs immer einer Meinung.
Deshalb sollten wir unterscheiden zwischen der politischen Ausrichtung einer Partei, den Entscheidungen ihrer
Führung und den einzelnen Menschen, die ihr angehören.
Eine Partei kann Entscheidungen treffen, die wir für richtig halten, und an anderer Stelle einen Weg
einschlagen, den wir entschieden ablehnen. Ebenso wenig sollte ein einzelnes Parteimitglied automatisch für jede Entscheidung verantwortlich gemacht werden, die von seiner Partei vertreten oder von
einer Regierung beschlossen wurde.
Gerade diese Unterscheidung gehört für mich zu einer freien politischen Betrachtung.
Der rote Faden militärischer Politik
Besonders kritisch sehe ich die Entwicklung der deutschen Sicherheits- und Militärpolitik über viele Jahre
hinweg.
Diese Entwicklung begann nicht erst mit der heutigen Bundesregierung und auch nicht mit einer einzigen
Partei. Über unterschiedliche Regierungszeiten hinweg entstand vielmehr ein politischer Weg, auf dem militärische Verpflichtungen, Auslandseinsätze, Rüstungsausgaben und schließlich umfangreiche
Waffenlieferungen immer größere Bedeutung bekamen.
Regierungen wechselten – doch dieser rote Faden löste sich nicht grundsätzlich auf.
Genau deshalb reicht es nicht aus, die Verantwortung ausschließlich bei der Partei zu suchen, die gerade
regiert. Wir müssen die Entwicklung über längere Zeiträume betrachten und fragen, welche Entscheidungen frühere Regierungen getroffen haben und welche späteren Regierungen diese übernommen, verändert
oder weitergeführt haben.
Auch die Regierungsjahre Angela Merkels gehören in eine solche Betrachtung. Ebenso gehören die Entscheidungen
der nachfolgenden Regierungen dazu.
Was bedeutet eigentlich eine „starke Bundeswehr“?
Immer wieder hören wir, die Bundeswehr müsse gestärkt werden.
Aber was bedeutet Stärke?
Bedeutet sie ausschließlich mehr Geld, mehr Waffen und größere militärische Fähigkeiten?
Oder müsste eine wirklich verantwortungsvolle Sicherheitspolitik nicht gleichzeitig dafür sorgen, dass
Diplomatie, Konfliktvermeidung, zivile Krisenprävention und internationale Verständigung mindestens ebenso ernst genommen werden?
Milliardenbeträge allein beantworten diese Frage nicht.
Wenn immer größere Summen ausgegeben werden, müssen Bürgerinnen und Bürger fragen dürfen, wofür
dieses Geld eingesetzt wird, welche konkreten Verbesserungen dadurch entstehen und welchem langfristigen Sicherheitskonzept diese Ausgaben dienen.
Eine Bundeswehr kann nicht allein dadurch sinnvoll gestärkt werden, dass immer mehr Geld in militärische
Strukturen fließt. Entscheidend ist, welche Aufgaben sie erfüllen soll und welches Verständnis von Sicherheit dahintersteht.
Sicherheit darf nicht mit dauernder Aufrüstung verwechselt werden
Hier liegt für mich eines der größten Probleme unserer Gegenwart.
Sicherheit und Aufrüstung sind nicht automatisch dasselbe.
Natürlich besitzt ein Staat die Verantwortung, seine Bevölkerung zu schützen. Doch eine Sicherheitspolitik,
die sich immer stärker auf militärische Abschreckung konzentriert, trägt gleichzeitig die Verantwortung dafür, politische und diplomatische Auswege aus Konflikten offenzuhalten.
Sonst entsteht ein Kreislauf:
Die eine Seite rüstet auf, weil sie sich bedroht fühlt. Die andere Seite empfindet diese Aufrüstung wiederum
als Bedrohung und rüstet ebenfalls auf. Schließlich erklären beide Seiten ihre weitere Aufrüstung damit, dass die jeweils andere Seite aufgerüstet hat.
Dieser Kreislauf kann sich über Jahre fortsetzen.
Irgendwann muss deshalb die Frage erlaubt sein:
Wie kommen wir aus diesem Kreislauf wieder heraus?
NATO und Europäische Union müssen ebenfalls kritisch betrachtet werden dürfen
Auch internationale Bündnisse dürfen nicht außerhalb einer offenen Diskussion stehen.
Die NATO entstand als Verteidigungsbündnis und sollte ihren Mitgliedstaaten gemeinsame Sicherheit
gewährleisten. Doch gerade deshalb muss immer wieder geprüft werden, wie dieses Verständnis von Sicherheit heute umgesetzt wird.
Dasselbe gilt für die Europäische Union.
Europäische Zusammenarbeit kann Frieden, wirtschaftlichen Austausch und Verständigung fördern. Aber auch
europäische Institutionen und Regierungen sind nicht unfehlbar. Ihre Entscheidungen müssen kritisiert und demokratisch hinterfragt werden dürfen.
Ein Bündnis darf niemals allein deshalb von Kritik ausgenommen werden, weil es sich selbst auf Sicherheit
oder gemeinsame Werte beruft.
Gerade wer Sicherheit erhalten möchte, muss fragen dürfen, welche politischen Entscheidungen
tatsächlich mehr Sicherheit schaffen und welche möglicherweise neue Spannungen hervorbringen.
Die Pandemie und der Krieg dürfen historisch nicht vermischt werden
Auch die Jahre der Pandemie haben unsere Gesellschaft tief geprägt. Sie haben Konflikte, Misstrauen und
gesellschaftliche Spaltungen sichtbar gemacht.
Diese Entwicklung sollte jedoch nicht mit der späteren militärischen Eskalation in Europa zu einem einzigen
Vorgang verschmolzen werden. Es handelt sich um unterschiedliche Ereignisse mit unterschiedlichen Ursachen.
Was sie miteinander verbindet, ist für mich eine andere Frage:
Wie gehen Regierungen und Gesellschaften mit außergewöhnlichen Krisen um?
Wie viel offene Diskussion bleibt bestehen?
Wie gehen wir mit Menschen um, die widersprechen?
Wie verhindern wir, dass Angst zum dauerhaften politischen Zustand wird?
Und wie finden wir nach einer Krise wieder zu einer gemeinschaftlichen Grundlage zurück?
Diese Fragen dürfen gestellt werden – unabhängig davon, welcher Partei jemand angehört.
Frieden bedeutet nicht Wehrlosigkeit – aber auch nicht endlose Aufrüstung
Wer sich für Frieden ausspricht, muss deshalb nicht behaupten, dass Staaten keinerlei Schutz
benötigen.
Aber ebenso wenig darf der Wunsch nach Sicherheit dazu führen, dass militärische Lösungen immer mehr zum
Normalzustand werden.
Frieden verlangt mehr.
Er verlangt Diplomatie.
Er verlangt Verhandlungen.
Er verlangt die Bereitschaft, auch mit Menschen und Staaten zu sprechen, deren Handlungen oder politische
Vorstellungen wir entschieden ablehnen.
Diplomatie bedeutet nicht, dem anderen recht zu geben. Sie bedeutet zunächst, einen Weg zu suchen, auf dem
Konflikte nicht immer weiter eskalieren.
Wenn irgendwann niemand mehr miteinander spricht, bleiben am Ende tatsächlich nur noch
Waffen.
Und genau das kann nicht das Ziel einer verantwortungsvollen Politik sein.
Keine Partei besitzt die ganze Wahrheit
Deshalb möchte ich weder eine Partei grundsätzlich erhöhen noch eine andere grundsätzlich
erniedrigen.
Wir sollten genauer hinsehen.
Was macht eine Partei gut?
Was macht sie schlecht?
Wo widerspricht sie ihren eigenen Grundsätzen?
Wo befinden sich innerhalb einer Partei Menschen, die andere Wege suchen?
Und vor allem:
Welche politischen Entscheidungen dienen tatsächlich dem Leben, der Gemeinschaft und einem
dauerhaften Frieden?
Ein freier Mensch muss keine Partei vollständig übernehmen, um einzelne ihrer Gedanken richtig zu finden.
Ebenso darf er Entscheidungen einer Partei kritisieren, ohne deshalb jeden Menschen innerhalb dieser Partei abzuwerten.
Vielleicht brauchen wir gerade heute wieder mehr von dieser Freiheit.
Nicht ein ständiges Denken in politischen Lagern.
Nicht „wir gegen die anderen“.
Sondern Menschen, die selbst prüfen, selbst hinterfragen und auch der eigenen politischen Seite widersprechen
können.
Denn Frieden entsteht nicht dadurch, dass eine Seite die andere zum Schweigen bringt.
Frieden beginnt dort, wo wir trotz unserer Unterschiede wieder miteinander sprechen können.
Und wenn sich über Jahrzehnte ein roter Faden aus Aufrüstung, militärischen Konflikten und immer neuen
Spannungen durch unsere Politik zieht, dann sollten wir endlich den Mut besitzen, nicht nur zu fragen, wer daran schuld ist, sondern vor allem:
Wie durchbrechen wir diesen roten Faden und beginnen einen neuen – einen roten Faden des
Friedens? ??️
Über das Wesen wahrer Menschlichkeit und die Botschaft von Jesus Christus
In einer Welt, die sich zunehmend in künstliche Strukturen, materiellen Konsum, Machtdenken und
gesellschaftliche Abgrenzung verstrickt, erinnert die Botschaft von Jesus Christus an etwas, das viel älter und grundlegender ist: an Mitgefühl, Nächstenliebe, Demut, Gemeinschaft und den Beistand
für Menschen, die schwach, betrübt oder ausgegrenzt sind.
Jesus stellte nicht Reichtum, gesellschaftliche Stellung oder weltliche Anerkennung in den Mittelpunkt. Seine
Aufmerksamkeit galt immer wieder gerade jenen Menschen, die am Rand standen, übersehen, verurteilt oder von anderen geringgeschätzt wurden.
Darin liegt eine Botschaft, die auch in unserer heutigen Zeit von großer Bedeutung ist.
Nicht auf „goldenen Brettern“ über andere erheben
Jesus kam nicht, um Menschen darin zu bestätigen, sich auf den „goldenen Brettern“ ihres Lebens über andere
zu erheben. Er zeigte vielmehr, dass Besitz, Macht und eine hohe gesellschaftliche Stellung einen Menschen nicht automatisch größer oder wertvoller machen.
Was bedeutet Reichtum, wenn dabei das Mitgefühl verloren geht?
Was bedeutet Macht, wenn sie nicht dem Leben und der Gemeinschaft dient?
Und welchen Wert besitzt gesellschaftliches Ansehen, wenn ein Mensch diejenigen nicht mehr wahrnimmt, denen
es schlechter geht?
Gerade Menschen, die viel besitzen oder großen Einfluss haben, tragen eine besondere Verantwortung. Denn je
größer die Möglichkeiten eines Menschen sind, desto größer kann auch sein Beitrag für eine friedliche und menschliche Gemeinschaft sein.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:
Was habe ich erreicht?
Sondern auch:
Was trage ich mit dem, was mir gegeben wurde, zum Leben anderer bei?
Die Fußwaschung als Zeichen der Demut
Eine der eindrucksvollsten symbolischen Handlungen Jesu ist die Fußwaschung seiner Jünger.
Jesus nahm dabei bewusst eine Handlung vor, die normalerweise einem Dienenden zugeschrieben wurde. Gerade
darin liegt die Kraft dieses Bildes: Wer eine besondere Stellung besitzt, soll daraus keine Überheblichkeit ableiten.
Die Fußwaschung kann uns daran erinnern, dass wahre Größe nicht darin besteht, über anderen zu
stehen.
Sie zeigt sich vielmehr darin, Menschen nicht aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihrer Herkunft,
ihres Besitzes oder ihrer Schwächen herabzusetzen.
Demut bedeutet dabei nicht, sich selbst kleinzumachen. Sie bedeutet, den anderen Menschen nicht kleiner zu
machen.
Wer Verantwortung trägt, sollte deshalb nicht fragen:
„Wie kann ich über andere bestimmen?“
Sondern:
„Wie kann das, was ich kann und besitze, dem Leben und der Gemeinschaft
dienen?“
Das ist ein grundlegender Unterschied.
„Ihr seid das Salz der Erde“
Auch das alte Bild vom „Salz der Erde“ trägt eine tiefe Bedeutung.
Salz war wertvoll. Es bewahrte Nahrung und gab ihr Geschmack. Wenn Menschen als „Salz der Erde“ bezeichnet
werden, erinnert dieses Bild daran, dass jeder Einzelne etwas in die Gemeinschaft hineintragen kann.
Nicht nur Politiker, Gelehrte, Priester, Reiche oder Menschen mit hohen Titeln gestalten die
Welt.
Jeder Mensch trägt mit seinen Gedanken, seinen Worten und seinem Handeln etwas hinein.
Wir können Gleichgültigkeit verbreiten – oder Mitgefühl.
Wir können Ausgrenzung verstärken – oder Gemeinschaft.
Wir können Hass weitertragen – oder versuchen, Verständigung entstehen zu lassen.
Wir können schweigen, wenn Menschen erniedrigt werden – oder ihnen ihre Würde zugestehen.
Salz der Erde zu sein bedeutet deshalb für mich auch, das eigene Menschsein nicht einfach an
gesellschaftliche Programme und vorgegebene Denkweisen abzugeben.
Der Mensch darf selbst wahrnehmen, selbst nachdenken und Verantwortung für das übernehmen, was er in diese
Welt hineinträgt.
Der Mensch ist mehr als seine gesellschaftliche Funktion
Unsere heutige Welt bewertet Menschen häufig danach, was sie leisten, welchen Beruf sie besitzen, wie viel
Geld sie verdienen, welchen Bildungsabschluss sie vorweisen können oder welche Stellung sie erreicht haben.
Doch ein Mensch besteht nicht nur aus seiner gesellschaftlichen Funktion.
Ein Titel kann keinen guten Charakter ersetzen.
Geld kann keine Menschlichkeit kaufen.
Bildung allein garantiert keine Weisheit.
Und Macht bedeutet nicht automatisch, dass ein Mensch verstanden hat, was dem Leben dient.
Deshalb braucht eine Gemeinschaft neben Wissen und Bildung auch etwas anderes: Gewissen, Mitgefühl,
Verantwortung und die Fähigkeit, über das eigene Handeln nachzudenken.
Ein Mensch sollte nicht nur lernen, wie eine bestehende Ordnung funktioniert. Er sollte auch fragen dürfen,
ob diese Ordnung dem Leben, dem Frieden und der Gemeinschaft dient.
Die Schwachen sind kein überflüssiger Teil der Gemeinschaft
Eine menschliche Gesellschaft erkennt man auch daran, wie sie mit denjenigen umgeht, die nicht mit den
Stärksten mithalten können.
Kinder, alte Menschen, Menschen mit Behinderungen, Arme, Einsame, Vertriebene, Kranke oder Menschen, die aus
unterschiedlichen Gründen nicht in gesellschaftliche Vorstellungen von Erfolg passen, verlieren dadurch nicht ihre menschliche Würde.
Gerade die Botschaft Jesu stellt immer wieder Menschen in den Mittelpunkt, die andere bereits abgeschrieben
hatten.
Das sollte uns nachdenklich machen.
Eine Gemeinschaft kann sich nicht menschlich nennen, wenn sie nur diejenigen achtet, die leistungsfähig,
erfolgreich oder wohlhabend sind.
Menschlichkeit beginnt dort, wo wir auch den Wert desjenigen erkennen, von dem wir keinen
persönlichen Vorteil erwarten können.
Verantwortung statt Überheblichkeit
Wer mehr besitzt, trägt deshalb nicht weniger, sondern mehr Verantwortung.
Wer Einfluss besitzt, kann diesen Einfluss für Spaltung oder für Verständigung einsetzen.
Wer über wirtschaftliche Möglichkeiten verfügt, kann ausschließlich den eigenen Vorteil verfolgen – oder
überlegen, welchen Beitrag er zur Gemeinschaft leisten kann.
Wer politische Macht besitzt, kann Konflikte verschärfen – oder beharrlich nach Wegen suchen, Gespräche und
Verständigung möglich zu machen.
Gerade hier sollte die alte Botschaft von Demut wieder stärker gehört werden.
Denn Macht ohne Mitgefühl kann zerstörerisch werden.
Wissen ohne Gewissen kann kalt werden.
Reichtum ohne Verantwortung kann Menschen voneinander trennen.
Und Fortschritt ohne Menschlichkeit kann dazu führen, dass eine Gesellschaft technisch immer weiter
voranschreitet, während sie innerlich ihre Gemeinschaft verliert.
Frieden verlangt mehr als die Abwesenheit von Krieg
Frieden bedeutet nicht lediglich, dass gerade keine Waffen abgefeuert werden.
Wirklicher Frieden beginnt viel früher.
Er beginnt damit, wie Menschen miteinander sprechen.
Er beginnt dort, wo wir einander zuhören.
Er beginnt dort, wo Unterschiede nicht sofort zu Feindschaft erklärt werden.
Und er beginnt dort, wo Menschen bereit sind, eigene Fehler zu erkennen und ihre Haltung zu
verändern.
Deshalb ist Umkehr ein so wichtiger Gedanke.
Umkehr bedeutet nicht nur religiöse Reue. Sie kann auch bedeuten, innezuhalten und ehrlich zu
fragen:
Ist der Weg, den wir eingeschlagen haben, wirklich noch ein guter Weg?
Wenn er Menschen gegeneinander aufbringt, wenn er immer neue Gewalt hervorbringt, wenn Schwache
zurückgelassen werden und wenn Gemeinschaft zerfällt, dann muss eine freie Gesellschaft die Kraft besitzen, ihren Weg zu verändern.
„Kehrt um“ – auch als Auftrag an unsere Gegenwart
Wenn wir die Botschaft Jesu auf unsere heutige Zeit übertragen, könnte sie uns daran
erinnern:
Kehrt um, wenn Macht wichtiger geworden ist als Menschlichkeit.
Kehrt um, wenn Besitz wichtiger geworden ist als Gemeinschaft.
Kehrt um, wenn Menschen nur noch nach ihrem Nutzen bewertet werden.
Kehrt um, wenn Krieg leichter erscheint als das schwierige Gespräch
miteinander.
Kehrt um, wenn wir aufgehört haben, im anderen zuerst den Menschen zu
sehen.
Umkehr bedeutet dabei nicht Rückschritt.
Manchmal ist Umkehr gerade der notwendige Schritt nach vorn.
Denn eine Gesellschaft entwickelt sich nicht allein dadurch weiter, dass ihre Maschinen leistungsfähiger,
ihre Gebäude größer und ihre Technologien komplizierter werden.
Sie entwickelt sich auch daran weiter, wie menschlich Menschen miteinander
umgehen.
Ein ergänzender Gedanke: Fortschritt braucht eine Richtung
Hier liegt für mich eine wichtige Ergänzung.
Fortschritt ist zunächst nur Bewegung. Entscheidend ist, wohin diese Bewegung führt.
Eine Gesellschaft kann technisch fortschrittlich und gleichzeitig menschlich ärmer werden.
Sie kann immer schneller kommunizieren und sich trotzdem immer weniger verstehen.
Sie kann ungeheure Mengen an Informationen besitzen und trotzdem die Weisheit verlieren, zwischen dem
Lebensdienlichen und dem Zerstörerischen zu unterscheiden.
Sie kann großen materiellen Wohlstand hervorbringen und gleichzeitig Menschen in Einsamkeit und
Bedeutungslosigkeit zurücklassen.
Darum braucht Fortschritt eine Richtung.
Und diese Richtung sollte immer wieder an einer einfachen Frage geprüft werden:
Dient das, was wir erschaffen, dem Leben – oder beginnt das Leben dem zu dienen, was wir erschaffen
haben?
Diese Frage betrifft nicht nur Politik und Wirtschaft. Sie betrifft jeden Menschen.
Denn Gemeinschaft entsteht nicht irgendwo weit entfernt. Sie entsteht jeden Tag zwischen Menschen: in
Familien, Nachbarschaften, Schulen, Arbeitsplätzen und überall dort, wo Menschen einander begegnen.
Menschlichkeit lässt sich nicht verordnen
Gesetze können Grenzen setzen.
Institutionen können Regeln schaffen.
Schulen können Wissen vermitteln.
Religionen können Werte weitergeben.
Aber wirkliche Menschlichkeit kann keinem Menschen einfach einprogrammiert oder aufgezwungen
werden.
Sie muss im Menschen selbst lebendig werden.
Ein Mensch muss selbst erkennen können, warum es falsch ist, einen Schwächeren zu
erniedrigen.
Er muss selbst begreifen können, warum Frieden wertvoller ist als Hass.
Und er muss selbst erfahren dürfen, dass sein eigenes Leben mit dem Leben anderer verbunden
ist.
Genau deshalb bleibt freies Denken wichtig.
Nicht als Freiheit, alles tun zu dürfen, sondern als Freiheit, selbst Verantwortung zu
erkennen.
Zwischen Himmel und Erde
Vielleicht sollten wir uns wieder häufiger daran erinnern, dass wir alle nur für eine begrenzte Zeit auf
dieser Erde leben.
Kein Titel bleibt ewig.
Kein Besitz kann mitgenommen werden.
Keine Machtstellung ist unvergänglich.
Was jedoch weiterwirken kann, ist das, was ein Mensch anderen Menschen hinterlassen hat: seine Güte oder
seine Härte, seine Hilfe oder seine Gleichgültigkeit, seinen Frieden oder seinen Hass.
Zwischen Himmel und Erde begegnen wir uns nicht nur als Reiche und Arme, Gebildete und Ungebildete, Mächtige
und Machtlose.
Wir begegnen uns zuerst als Menschen und als Teil des Lebens.
Vielleicht liegt gerade darin eine der zeitlosen Botschaften Jesu:
Erhebt euch nicht über den Menschen neben euch.
Seht den Schwachen.
Hört den Betrübten.
Gebt dem Ausgegrenzten seine Würde zurück.
Nutzt Wissen nicht zur Überheblichkeit, sondern zur Hilfe.
Nutzt Macht nicht zur Unterdrückung, sondern zur Verantwortung.
Und sucht im Konflikt nicht zuerst den Sieg über den anderen, sondern einen Weg, auf dem Leben erhalten
werden kann.
Denn eine friedliche Welt entsteht nicht allein durch große Worte.
Sie beginnt im Umgang eines Menschen mit einem anderen.
Und vielleicht beginnt die wichtigste Umkehr genau dort:
wieder Mensch unter Menschen zu sein.
Viel wichtiger ist mir der
Auftrag, der in seinen überlieferten Worten und Geschichten liegt.
Denn was nützt es, eine Rolle nachzuspielen, wenn wir ihre Botschaft im wirklichen Leben nicht
erkennen?
Wir können Jesus Christus in einem Film darstellen. Wir können historische Persönlichkeiten spielen. Wir
können Soldatinnen und Soldaten in Filmen, Theaterstücken oder historischen Darstellungen nachspielen.
Doch eine Darstellung ist niemals dasselbe wie das wirkliche Leben.
Wer einen Krieg in einer Rolle spielt, erlebt nicht automatisch das, was ein Mensch erlebt, der tatsächlich
in einem Krieg um sein Leben fürchten muss. Er erlebt nicht dieselbe Angst, nicht denselben Verlust und nicht dieselbe Ungewissheit.
Genauso reicht es für mich nicht aus, Jesus Christus lediglich als Figur darzustellen, Kreuze aufzustellen
oder seine Geschichte immer wieder nachzuerzählen.
Die entscheidende Frage lautet:
Was machen wir mit seiner Botschaft?
Niemand muss glauben, was ich glaube
Mir ist dabei vollkommen gleich, ob ein Mensch an Jesus Christus glaubt oder nicht.
Niemand muss an Moses glauben.
Niemand muss an bestimmte Freiheitskämpfer oder Widerstandskämpfer glauben.
Und niemand muss eine historische Persönlichkeit zu seinem Vorbild erklären.
Ich werde keinem Menschen vorschreiben, woran er glauben soll.
Aber wir können uns mit den Inhalten beschäftigen, die uns aus diesen Geschichten und
Lebenswegen überliefert wurden.
Wenn ein Mensch für andere eintritt, wenn er sich gegen Ausgrenzung stellt, wenn er trotz persönlicher Gefahr
versucht, anderen Menschen ihre Würde zu erhalten, dann können wir uns fragen:
Was können wir daraus für unser eigenes Leben lernen?
Dabei können Menschen aus völlig unterschiedlichen Zeiten und mit völlig unterschiedlichen politischen,
religiösen oder persönlichen Hintergründen betrachtet werden. Das bedeutet nicht, dass ihre gesamten Weltanschauungen gleichgesetzt oder unkritisch übernommen werden müssen.
Auch bei historischen Persönlichkeiten wie Ernst Thälmann interessiert mich deshalb nicht eine unkritische
Verehrung. Mich interessiert die Frage, was Menschen dazu bewegt hat, unter schwierigen Bedingungen für ihre Überzeugungen einzustehen – und was davon dem Leben, der Gemeinschaft und der Überwindung
von Ausgrenzung dienen kann.
Ein Baum muss kein Theaterstück aufführen
Auch die Natur zeigt mir etwas Ähnliches.
Ein Baum spielt keinen Baum.
Ein Strauch stellt keinen Strauch dar.
Sie stehen da, wachsen, tragen Blätter, geben Tieren Lebensraum und erfüllen ihren Platz innerhalb des
Lebens.
Ihre Bedeutung liegt nicht in einer Rolle.
Sie liegt in ihrem Sein und Wirken.
Genau deshalb ist mir auch beim Menschen das wirkliche Handeln wichtiger als die
Darstellung.
Ein Mensch kann tausendmal von Nächstenliebe sprechen.
Wenn er einen ausgegrenzten Menschen neben sich nicht wahrnimmt, bleiben seine Worte eine
Rolle.
Ein Mensch kann von Frieden sprechen.
Wenn er gleichzeitig jeden Andersdenkenden zum Feind erklärt, hat er den Frieden noch nicht in sein Handeln
aufgenommen.
Und ein Mensch kann Jesus Christus verehren und trotzdem an dessen Botschaft vorbeileben.
Umgekehrt kann ein Mensch vielleicht überhaupt nicht an Jesus Christus glauben und dennoch einem
Ausgestoßenen die Hand reichen.
Dann lebt dieser Mensch möglicherweise etwas von jener Menschlichkeit, von der die alten Geschichten
erzählen, ohne sie religiös zu benennen.
Das Salz der Erde muss wirken
Deshalb bedeutet mir auch das Bild vom „Salz der Erde“ so viel.
Salz besitzt seinen Sinn nicht dadurch, dass es irgendwo schön ausgestellt wird.
Es muss wirken.
Übertragen auf den Menschen bedeutet das für mich:
Was tragen wir in diese Welt hinein?
Helfen wir einem Menschen, der ausgegrenzt wird?
Stehen wir einem Menschen bei, der keinen Platz mehr findet?
Schauen wir hin, wenn andere wegsehen?
Versuchen wir, Spaltungen zu überwinden?
Dann beginnt eine Botschaft zu leben.
Warum mich diese Botschaft persönlich berührt
Vielleicht bedeutet mir dieser Gedanke gerade deshalb so viel, weil ich selbst schon als Kind erfahren habe,
was Ausgrenzung bedeutet.
Durch meinen Weg über die Sonderschule stand ich früh außerhalb dessen, was andere als normalen Lebensweg
betrachteten.
Ich hätte mir das nicht ausgesucht.
Welches Kind möchte schon aufgrund seiner Schwierigkeiten gekennzeichnet werden?
Welches Kind möchte hören oder spüren, dass es nicht richtig in die Welt der anderen passt?
Natürlich möchte ein Mensch lieber auf eine strahlende Zukunft schauen.
Er möchte dazugehören.
Er möchte nicht jeden Tag an seine Schwierigkeiten erinnert werden.
Und gerade deshalb war es für mich manchmal ungeheuer schwer, meine innere Lebensstärke nicht zu
verlieren.
Ich habe sie verloren.
Ich habe sie wiedergefunden.
Manchmal musste ich sie erneut suchen.
Aber ich wollte mein inneres Leben nicht einfach aufgeben, nur weil die künstlichen Maßstäbe unserer
Gesellschaft mir zeigten, was ich alles nicht konnte.
Vielleicht begegnet uns Christus manchmal im Handeln anderer Menschen
Manche Menschen sagen:
„Ich habe Jesus Christus noch nie gesehen. Er hat mir noch nie geholfen.“
Das kann ich verstehen.
Aber vielleicht müssen wir diesen Gedanken nicht ausschließlich wörtlich betrachten.
Vielleicht begegnet einem Menschen eine solche Botschaft dort, wo ein anderer Mensch plötzlich neben ihm
stehen bleibt.
Wo jemand sagt:
„Ich sehe, dass du ausgegrenzt wirst.“
Wo jemand nicht fragt, welchen Schulabschluss man besitzt.
Wo jemand einen Menschen nicht nach seinem Geld, seiner Herkunft oder seiner gesellschaftlichen Stellung
beurteilt.
Wo ein freier Mensch einem anderen freien Menschen beisteht.
Dann wird aus einer alten Geschichte etwas Gegenwärtiges.
Nicht weil dieser Helfende Jesus Christus wäre.
Sondern weil eine Botschaft, die ihm zugeschrieben wird, durch menschliches Handeln wieder lebendig
wird.
Wenn die Ausgestoßenen einander erkennen würden
Manchmal frage ich mich deshalb:
Was würde geschehen, wenn all diejenigen, die irgendwann Ausgrenzung erfahren haben, nicht wiederum neue
Gruppen gegeneinander bilden würden?
Was wäre, wenn sie sagen könnten:
„Ich kenne vielleicht nicht deinen Schmerz. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, keinen Platz zu
finden.“
Dann könnte aus vielen einzelnen Ausgestoßenen plötzlich Gemeinschaft entstehen.
Nicht gegen andere Menschen.
Sondern für eine bessere Welt.
Vielleicht wäre gerade das eine mögliche Erfüllung jener alten Botschaft:
Spaltungen nicht immer weiterzutragen, sondern dort eine Verbindung zu schaffen, wo Menschen zuvor
voneinander getrennt wurden.
Das Scheinbild der strahlenden Welt
Natürlich verstehe ich auch, warum Menschen ihren Problemen entkommen möchten.
Wer möchte schon ständig daran erinnert werden, was ihm fehlt?
Wer möchte sein ganzes Leben als der Arme, der Behinderte, der Ausgestoßene, der Gescheiterte oder der
Verletzte betrachtet werden?
Menschen möchten nach vorne sehen.
Sie möchten Schönheit erleben.
Sie möchten Anerkennung.
Sie möchten manchmal einfach vergessen, wie schwer ihr Weg gewesen ist.
Das ist menschlich.
Problematisch wird es erst, wenn wir deshalb beginnen, einer glänzenden Scheinwelt hinterherzulaufen und
diejenigen zurücklassen, deren Wirklichkeit nicht in dieses Bild passt.
Denn eine strahlende Welt, die nur deshalb strahlt, weil wir alles Dunkle außerhalb ihres Bildes verstecken,
ist noch keine bessere Welt.
Nicht im Leid stehen bleiben – aber auch niemanden zurücklassen
Es geht mir deshalb nicht darum, Menschen für immer auf ihr Leid festzulegen.
Gerade das möchte ich nicht.
Der Ausgestoßene soll nicht sein ganzes Leben „der Ausgestoßene“ bleiben müssen.
Der Mensch mit Schwierigkeiten soll nicht ausschließlich über seine Schwierigkeiten definiert
werden.
Wir dürfen weitergehen.
Wir dürfen lachen.
Wir dürfen Schönheit suchen.
Wir dürfen Erfolg haben.
Wir dürfen sogar Gold und Edelsteine besitzen, wenn das unser Wunsch ist.
Aber während wir weitergehen, sollten wir nicht vergessen, dass hinter uns vielleicht noch jemand steht, der
den Weg gerade nicht allein schafft.
Vielleicht besteht Menschlichkeit genau darin:
weiterzugehen und trotzdem noch eine Hand nach hinten ausstrecken zu
können.
Die Botschaft muss leben
Deshalb werde ich die Botschaft Jesu Christi für mich nicht aufgeben, nur weil andere Menschen nicht daran
glauben.
Ich verlange nicht, dass sie meinen Glauben übernehmen.
Ich verlange nicht einmal, dass sie meine Auslegung teilen.
Ich nehme aus diesen Geschichten das mit, was mich auf meinem eigenen Lebensweg gestärkt
hat:
den Ausgestoßenen sehen,
dem Schwachen seine Würde lassen,
nicht nur nach oben schauen,
nicht nur nach unten schauen,
Menschen nicht nach ihrer gesellschaftlichen Stellung einteilen
und immer wieder versuchen, Spaltungen zu überwinden.
Dasselbe kann ich aus anderen Geschichten, aus historischen Menschen und sogar aus Märchen und Filmen lernen,
wenn darin eine Botschaft steckt, die dem Leben dient.
Denn eine gute Botschaft gehört für mich nicht nur demjenigen, der sie einmal ausgesprochen
hat.
Sie beginnt dort wirklich zu leben, wo ein anderer Mensch sie versteht und in seinem eigenen Handeln
weiterträgt.
Und vielleicht müssen wir deshalb weniger darüber streiten, wer an wen glaubt, und viel
häufiger danach fragen:
Was tun wir mit dem, was wir erkannt haben?
Denn nicht die nachgespielte Rolle verändert die Welt.
Nicht das Denkmal.
Nicht das kostbare Gewand.
Nicht der Name allein.
Was die Welt verändern kann, ist der Mensch, der mitten im wirklichen Leben einem anderen Menschen begegnet
und sagt:
„Du gehörst dazu. Ich lasse dich nicht allein zurück.“
Vielleicht ist genau dort das Salz der Erde nicht mehr nur eine Geschichte.
Dort beginnt es zu wirken. ??️?
Gedanken und Worte: Inhaberin der Texte
Ausarbeitung und ergänzende sprachliche Gestaltung: Aurora – Künstliche Intelligenz
Gemeinsam ausgearbeitet in wertschätzender Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI.
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